Monumentale Malerei
Gewichtig steht Jannis Kounellis’ Wandarbeit Ohne Titel aus dem Jahr 1996 im Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart. Kiara Venegas, neu bei den Jungen Freunden, analysiert aus kulturwissenschaftlicher Perspektive diese exemplarische Arbeit der Arte Povera.
Im Jahr 1996 schuf Jannis Kounellis eigens für die Galerie der Gegenwart ein Kunstwerk, das in seiner Beschaffenheit unscheinbar ist, aber zugleich ein enormer Präsenz entfaltet. Gerade diese Spannung zwischen Zurücknahme und Monumentalität prägt Kounellis’ Werk.
Das Werk besteht aus mit Sandsteinen gefüllten gebrauchten Kaffeesäcken aus Jute, die dicht übereinandergestapelt an der Wand liegen und durch zwei Eisenträger eingerahmt werden. Die vertikal positionierte Konstruktion ragt mehrere Meter hoch und wirkt auf den ersten Blick undurchdringlich. Dieser Eindruck löst sich auch bei näherer Betrachtung nicht auf, sodass Kounellis’ Arbeit den Besuchenden wie eine Mauer gegenübersteht. Das Werk erweckt durch die Zusammensetzung einzelner Elemente den Eindruck, als könne man es leicht, Sack für Sack, abbauen, was im Kontrast zum imposanten Gesamterscheinungsbild des Kunstwerks steht.
Obgleich Kounellis Arbeit zunächst als Installation oder skulpturales Objekt erscheint, verstand sich der Künstler selbst zeitlebens primär als Maler. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Werk als erweiterte Malerei lesen. Dieser Eindruck erschließt sich nicht unmittelbar, sondern über formale Analogien: die streng vertikale und rechteckige Setzung der Eisenträger, die an einen Bilderrahmen erinnert, ebenso wie das dynamische Gefüge der Jutesäcke, das an eine Abfolge gezielter Pinselstriche denken lässt. Ann-Kathrin Hubrich und Ortrud Westheider fassen diese Lesart prägnant zusammen, wenn sie Kounellis’ Werk als »Malerei mit anderen Mitteln« bezeichnen.
Kounellis verwendet alltägliche, mitunter banale Materialien. Bei diesem Werk sind dies unter anderem Jutesäcke, Steine sowie unbehandelte Eisenträger, die als fundamentale Bestandteile der zivilen Infrastruktur fungieren.
In seiner künstlerischen Praxis befasste sich Kounellis insbesondere mit der Inszenierung von Kunst, Geschichte und Politik. Die Arte Povera (»Arme Kunst«), eine Bewegung, die von ihm entscheidend mitgeprägt wurde, verstand sich dabei als Versuch, Geschichte und politische Realität nicht nur abzubilden, sondern durch Kunst, unter Verwendung von leicht zugänglichen »armen« Materialien wie Jute oder Holz, unmittelbar erfahrbar zu machen. Bei der Arte Povera rückt das Material in den Vordergrund und wird selbst zum Träger und Gegenstand der künstlerischen Aussage.
Auch die von Kounellis verwendeten Jutesäcke tragen reale Geschichte in sich. Sie stammen aus dem Hamburger Freihafen und der Speicherstadt und dienten, wie die Aufdrucke erkennen lassen, ursprünglich vor allem der Lagerung und dem Transport von Kaffee. Indem Kounellis sie dem ökonomischen Kreislauf entzieht, transformiert er sie zu Trägern materialisierter Erinnerung und verleiht ihnen eine neue semantische Aufladung. Die Eisenträger, die sichtbar an der Seite Spuren ihrer industriellen Vergangenheit in Form von Schrift und Zahlen tragen, suggerieren ebenfalls eine direkte Entnahme aus ihrem ursprünglichen Kontext.
Die scheinbare Beweglichkeit des Kunstwerks zusammen mit dem Kontext des verwendeten Materials gibt somit den entscheidenden Hinweis, welcher das Werk sinnlich um eine weitere Ebene erweitert: Es kann über Mobilität, Transport und Handel hinaus als Referenz auf Hamburgs Kolonialgeschichte gelesen werden.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fungierte der Hamburger Hafen zunehmend als Umschlagplatz von Plantagenprodukten wie Kaffee, Tee, Zucker oder Kakao – sogenannte »Kolonialwaren«, die lange Zeit durch Sklavenarbeit produziert wurden. Mit dem Beitritt Hamburgs zum Zollgebiet des Deutschen Reiches im Jahr 1888 konzentrierte sich der Handel mit den Produkten aus Übersee auf die Speicherstadt als Herzstück der neu errichteten Freihandelszone. Dabei war es in erster Linie der Kaffeeimport aus Brasilien, der die Speicherstadt zeitweise zum größten Kaffeelager der Welt und zum »Monument des Kolonialhandels« (Dietmar Pieper) werden ließ. Die Last dieser dem Kunstwerk eingeschriebenen Geschichte manifestiert sich nicht zuletzt im physischen Gewicht, das sich auf beeindruckende fünf Tonnen beläuft. Material, Bedeutung und Masse verschränken sich hier untrennbar miteinander.
Da sich die Bedeutung des Kunstwerks erst auf den zweiten Blick erschließt und in ihrer Aufschlüsselung weitreichender erscheint als zunächst angenommen, tritt die das Werk prägende Spannung zwischen Zurücknahme und Monumentalität deutlich hervor. Mit Jannis Kounellis als künstlerischem Vermittler und der Arte Povera als Methode wird diese Gegenüberstellung zum Instrument einer kritischen Auseinandersetzung mit Hamburgs Teilhabe am kolonialen Erbe Deutschlands.
KIARA VENEGAS, seit Juni 2025 studentische Mitarbeiterin bei den Jungen Freunden, studiert im Master Medien und digitale Kulturen an der Leuphana Universität in Lüneburg.
