Ausstellungsansicht »Skulptural. Die neuen Galerien«, Hamburger Kunsthalle 2026, im Vordergrund Johann Gottfried Schadow, Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen, 1795 (Guss 1906), Foto: Romanus Fuhrmann
Julius von Ehren, Säulensaal im Altbau der Hamburger Kunsthalle, 1928, Öl auf Leinwand, © Hamburger Kunsthalle / ARTOTHEK, Foto: Elke Walford
Die Projektbeteiligten (v. l. n. r.): Tessa Scheunert, Ann-Kathrin Hubrich, Patrick Pohl, Petra Bassen, Dr. Annabelle Görgen-Lammers und Dana Zacharias. Foto: Tanya Tkachova.
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MItten im Museum

Die Skulptur ist zurück im Zentrum: In einer neuen Sammlungspräsentation macht die Hamburger Kunsthalle sichtbar, was lange verborgen war, und denkt das Skulpturale von der Antike bis zur Gegenwart neu. Sammlungsleiterin Annabelle Görgen-Lammers und Assistenzkuratorin Ann-Kathrin Hubrich sprechen mit unserer Redakteurin Ina Hildburg-Schneider über Hintergründe, Entscheidungen und Perspektiven.

FRAGEN: INA HILDBURG-SCHNEIDER


Die Hamburger Kunsthalle zeigt seit Ende April kleine und große Skulpturen aus 2.500 Jahren, und dies im Kontext weiterer Medien. Wie kam es zur Idee der Sammlungspräsentation Skulptural. Die neuen Galerien, liebe Annabelle Görgen-Lammers?
Annabelle Görgen-Lammers:
Ausstellungsideen entstehen im Idealfall aus Forschung, aus der Kenntnis der Sammlung, der Geschichte des Hauses, möglicher Partner*innen und einem Gefühl für die heutigen Fragen der Besuchenden. Als ich 2016 mit dem Transparenten Museum kuratorisch einlud, hinter die Kulissen des Museums zu schauen, trafen zwei beispielhafte Fragen auf besonderes Interesse: Warum befindet sich im Säulensaal, dem heutigen Café – einst Herzstück des Hauses wie seiner Skulpturenpräsentation –, ein lange unbeachteter Abguss des Parthenonfrieses? Und wie kann es sein, dass sich im Depot ein bis dato nie systematisch gehobener Bestand von Tausenden Münzen, Medaillen und Plaketten aus 2.500 Jahren verbirgt?
Diese Fragen führten zu Aspekten der historischen Skulpturenabteilung, die 1891 von Alfred Lichtwark begründet wurde und nach 2001 strukturell nicht mehr eigenständig betreut war. In Folge u. a. dieser Recherchen wurde mir als zusätzliche Funktion 2022 die Sammlungsleitung dieses unerfassten Teilbestands der historischen Abteilung, 2024 zudem aller Skulpturen und Plastiken jeglicher Größe und Materialität (bis 1960) übertragen. Daraus entstand das Vorhaben, die Kernaufgaben des Museums – Sammeln, Forschen, Bewahren, Vermitteln, Präsentieren – auch für den Skulpturenbereich konsequent anzugehen.

Was waren die ersten Schritte, nachdem Sie die Sammlungsleitung übernommen hatten?
Görgen-Lammers: Ich habe Konzepte für einen neuen Umgang mit dem Gesamtbestand entwickelt, darunter ein Forschungsprojekt zur erstmaligen systematischen Sichtung des Schatzes von Kleinstskulpturen, Spitzenwerken der Münz-, Medaillen- und Plakettenkunst aus 2.500 Jahren: ein Sammlungsbereich, der mitnichten im Hinblick auf chronologische Vollständigkeit oder numismatische, also münzkundliche Kriterien angelegt wurde, sondern – so haben es alle Direktoren betont – entsprechend dem besonderen Ort des Kunstmuseums auf rein künstlerische Qualität! 

Wie sahen Ihre Konzepte genau aus?
Görgen-Lammers: Es galt, die Schritte einer sorgfältigen, medienspezifischen Sammlungsarbeit zu konzipieren, zu budgetieren und umzusetzen: Sichtung, Inventur, konservatorische Bearbeitung, systematische Lagerung, fotografische Dokumentation, wissenschaftliche Bestimmung, Formung einer Datenbank, Digitalisierung – alles eingebettet in die Kontexte der gesamten Skulpturensammlung, des Archivs sowie der Bestände von Grafik und Gemälden. Dies erforderte räumliche, personelle und digitale Strukturen und Kapazitäten, die im Haus bislang nicht mitgedacht, die nicht vorhanden waren.
Aus meiner kuratorischen Sicht sollte wissenschaftliche Arbeit stets auch den Besuchenden zugute kommen. So entstand parallel das Konzept einer begleitenden Ausstellung, die die Eigenheiten der Skulpturensammlung und deren Verbindungen zu anderen Medien des Hauses untersucht. Beide Konzepte wären ohne eine Förderung nicht realisierbar gewesen.

Können Sie uns mehr zu dem Forschungsprojekt sagen, das die Grundlage der aktuellen Ausstellung darstellt?
Görgen-Lammers: Sein Titel Von der zweiten zur dritten Dimension verweist auf die ästhetisch wie medial so spannenden Zwischenräume, die sich im Flach-, Halb- oder Hochrelief der Kleinstobjekte, in den Münzen, Medaillen, Plaketten und Skulpturen sowie ihren Übergängen zu den anderen Sammlungsbereichen ergeben. Die modellierten, geschlagenen, geprägten oder gegossenen Oberflächen changieren zwischen den Dimensionen und eröffnen zugleich einen überraschenden Bilderreichtum aus über 2.500 Jahren Kunstgeschichte. In diesen »Zwischenräumen« zeigt sich auch die spezifische Bedeutung des Bestands für die Kunsthalle: als Grundlage und Teil der historischen Skulpturensammlung, in seinen Verknüpfungen zu den anderen Bereichen der Kunsthalle und eben auch in seiner aktuellen Relevanz. Gerade in den Momenten des Übergangs zwischen den Medien ergeben sich spannende Anknüpfungspunkte, genauso zwischen analog und digital. 

Apropos: Die Digitalisierung ist auch für das Forschungsprojekt besonders wichtig. Mit wem arbeiten Sie da zusammen, liebe Ann-Kathrin Hubrich?
Ann-Kathrin Hubrich:
Mit dem internationalen Verbund Interaktive Kataloge der Münzkabinette (ikmk) konnten wir von Beginn an einen der wichtigsten Partner im Bereich der Digitalisierung von Münzen und Medaillen gewinnen. Die von den Staatlichen Museen zu Berlin aufgebaute Datenbank hat höchste Standards in der Erfassung und Kontextualisierung dieser Medien gesetzt und vereint über dreißig Universitäts- und Museumssammlungen – darunter renommierte Häuser wie das Kunsthistorische Museum in Wien. Unser Beitritt zu diesem Fachnetzwerk lässt unsere Bestände dort vergleichbar werden und erweitert sowohl die Sichtbarkeit als auch den Forschungsanspruch unserer Sammlung. Und natürlich veröffentlichen wir die Forschungsergebnisse parallel in unserer eigenen Sammlung Online

Woher kamen die finanziellen Mittel – im Kulturbereich oft die größte Herausforderung?
Görgen-Lammers: 2022 konnten Alexander Klar und ich meine Ideen und Konzepte der Dorit & Alexander Otto Stiftung vorstellen. Erst durch deren Offenheit, ihr feines Verständnis der strukturellen Herausforderungen eines Museums, ihre Begeisterung für das Medium Skulptur im Großen wie im Kleinen und schließlich ihre großzügige Förderung beider Projektstufen – sowohl Forschung und Digitalisierung als auch Präsentation – wurde es möglich, die bislang fehlenden personellen, räumlichen und digitalen Strukturen aufzubauen. In diesen konnten die 6.000 Kleinstobjekte der Skulpturensammlung erstmals zusammengeführt, wissenschaftlich bestimmt, digital erfasst, konservatorisch gesichert und in ersten Teilen schließlich in Kontexten für die Besuchenden präsentiert werden.

Wie setzt sich Ihr Team zusammen?
Görgen-Lammers: Ann-Kathrin Hubrich ist seit 2022 als Koordinatorin und Assistenzkuratorin für das Projekt tätig und hat seine Entwicklung maßgeblich mitgeprägt. Die seit den 1930er-Jahren im Hause fehlende numismatische Beratung konnte mit Münzkundlern wieder ins Haus geholt werden; aktuell werden die Medaillen und Plaketten von Patrik Pohl wissenschaftlich bearbeitet, digital erfasst und, unterstützt von zwei Hilfskräften, fotografisch dokumentiert. Da die Kunsthalle auch restauratorisch über keine eigene Stelle für Skulptur verfügte, ermöglichte die Stiftung externe restauratorische Beratung sowie die sachgerechte Lagerung des Bestands. Schließlich gewannen wir mit unseren Ideen für Raumertüchtigungen der neuen Skulpturengalerien die Stiftung, auch diese quasi dritte Ebene des Projektes zu fördern! Dies einschließlich Produktionsmanagement, das seit Mitte 2024 mit Petra Bassen besetzt ist.

Was ist das grundlegend Neue an Ihrem Ansatz der Sammlungspräsentation?
Görgen-Lammers: Es war mir wichtig, die wirklich besondere Geschichte und das einzigartige, sehr heterogene Profil unserer Skulpturensammlung in den Fokus zu rücken. Dieses außergewöhnliche, bei Gründung des Hauses angelegte, von Lichtwark konzipierte, von Gustav Pauli und allen weiteren nachfolgenden Direktoren modellierte und bis in die 1980er-Jahre erweiterte Profil der Skulpturensammlung bietet viel Spannendes und Unerwartetes. Dabei ging es mir auch um die Grundlagen der Gründung des Museums aus dem Antikenideal des 19. Jahrhunderts heraus – und zugleich um dessen Hinterfragung seit dem 20. Jahrhundert. Schließlich fand ich den Willen aller Direktoren wichtig, die jeweils zeitgenössische Auffassung von Skulptur zu verstehen, in die Ateliers zu gehen und zu sammeln – und dies erstaunlich international. Auch war ich sehr angetan von zuerst Lichtwarks, dann Gustav Paulis, Carl Georg Heises, Alfred Hentzens oder Werner Hofmanns außergewöhnlichem Verständnis von Formen und Orten des Skulpturalen – von der Kleinstskulptur in der Hosentasche über die Sockelplastik bis zur ortsspezifischen Skulptur oder Installation. All dies wollte ich ansatzweise ins Hier und Jetzt überführen, mit heutigen künstlerischen Auffassungen und aktuellen medialen Fragen abgleichen. Die konsequente Folge ist eine epochen- wie medienübergreifende Schau, für die wir schließlich auch noch ein zeitgenössisches ortsspezifisches Kunstwerk beauftragen konnten. 
Hubrich: Im gesamten Erdgeschoss der Hamburger Kunsthalle, im Gründungsbau und im ersten Neubau, dem sogenannten »Lichtwark-Bau«, zeigen wir Skulpturen, Reliefs, Gemälde, Grafiken, Fotografien, Raum- und Videoinstallationen aus 2.500 Jahren Kunstgeschichte. Dabei geht es um sammlungshistorische sowie ikonografische Stränge, aber auch zentral um mediale Fragen – und das in für die Besuchenden hoffentlich überraschenden und anregenden Gegenüberstellungen: von der Antike bis zur Gegenwart, von der zweiten zur dritten Dimension, von minimal bis monumental. 

Sie sprechen außerdem von den »Zwischenräumen« zwischen zweiter und dritter Dimension. Welche Potenziale eröffnen sich aus dieser Perspektive für die heutige Betrachtung von Skulptur?
Hubrich: Künstler wie z. B. Jean-Baptiste Carpeaux arbeiteten selbstverständlich zwischen Skulptur und Medaille; räumliches Denken ist hier auch im Kleinformat präsent. Bei anderen, etwa Jules Clément Chaplain, können wir dank der Vorzeichnungen den Werkprozess bei der Vorbereitung der Medaillen sichtbar machen. Darüber hinaus verstehen wir »Zwischenraum« auch im übertragenen Sinn: zwischen Fläche und Raum, zwischen Heraus- und Zurücktreten der Form. Gerade dieses »Dazwischen« eröffnet neue Spiel- und Wahrnehmungsräume und stellt uns grundlegend vor die Frage, was Skulptur ist und wo sie sich verortet. 
Eine besondere Aktualität gewinnt dies etwa vor dem Hintergrund von 3D-Scans oder 3D-Drucken: Reproduktionsmedien, lange geringgeschätzt, erfahren eine Neubewertung – auch in ihrer eigenen Ästhetik. 
Görgen-Lammers: Die Sammlungsgeschichte z. B. in Bezug auf den Stellenwert der Gipsabgüsse nach Antiken spiegelt Debatten, die heute erneut aktuell sind: So stand und steht etwa die Euphorie, Kunst möglichst vielen zugänglich zu machen und den Bildungsauftrag auf neue Weise zu erfüllen, der Sorge gegenüber, statt der Originale nur Ersatz zeigen zu können – eine Diskussion, die wir heute im Kontext digitaler Museumspräsenz wiederfinden. Zugleich ist es unser Anspruch, die Originale so zu präsentieren, wie es nur ein Kunstmuseum vermag: aus seiner Geschichte heraus, mit künstlerisch höchstwertigen Werken, die diese Fragen nicht illustrieren, sondern ihr Zentrum bilden. 

Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, welche Werke gezeigt werden?
Hubrich: Da wir in der Auftakt-Ausstellung nur einen Teil der Skulpturensammlung zeigen können, ist die Auswahl bewusst offen angelegt und wird sich künftig verändern. Entscheidend war für uns die Verzahnung der Skulpturen innerhalb der Sammlung und mit allen anderen Medien des Hauses. In der Verbindung von z. B. Gemälde, Grafik und Archivalien entwickeln wir Bezüge, die von Beginn an durch die Ankäufe angelegt waren. Eine besondere Rolle spielen dabei auch die ursprünglichen räumlichen Kontexte.
Zudem kommen die historischen Gipsabgüsse ins Spiel, die auf Initiative der Hamburger Künstlerschaft ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erworben wurden und für deren Präsentation das gesamte Erdgeschoss des Gründungsbaus gedacht war. Julius von Ehren malte 1928 den Säulensaal und dokumentierte so die damalige Aufstellung der Gipsabgüsse, die wir zum Teil aufgreifen und hinterfragen wollen. 

Von der Universität Hamburg konnten die eben erwähnten Gipsabgüsse nach Antiken als Leihgaben für 10 Jahre gewonnen werden. Wie verändert das den Blick auf die Sammlungsgeschichte?
Hubrich: Den Spuren der Skulptur in der Geschichte der Hamburger Kunsthalle zu folgen, ermöglicht es, auch den Blick auf ausgewählte kunsthistorische Debatten zu werfen, so zu der Bedeutung und Bewertung der Gipsabgüsse bei der Gründung des Hauses. Die Abgusssammlung erlebte kunsthallenintern über die Jahrzehnte eine wechselvolle Geschichte.
Görgen-Lammers: Unsere Kooperationspartner umfassen neben dem Archäologischen Institut der Universität übrigens auch das Pariser Musée d’Orsay, die Staatlichen Museen zu Berlin, das Museum für Hamburgische Geschichte, das Osnabrücker Münzauktionshaus Künker und internationale Privatsammlungen, die uns für außergewöhnlich lange Zeit einzigartige Leihgaben zur Verfügung stellen. Skulptural wird also immer auch wechselnde »Gäste« aus Spitzensammlungen haben – ein Wiederkommen lohnt sich! 

Welche überraschenden Bezüge haben sich zwischen Antike und Gegenwart ergeben?
Hubrich: Wir greifen ein Thema auf, das bereits in der Gründungsgeschichte der Kunsthalle angelegt ist: Antike(n)rezeption, d. h. die künstlerische Bezugnahme auf die griechisch-römische Bildwelt. Diese veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte, wir untersuchen sie schlaglichtartig und assoziativ. Entsprechende Arbeiten von Olaf Metzel bis Bruce Nauman bringen wir in spannungsvolle Dialoge mit älteren Werken. Besonders erkenntnisreich wird es aus unserer Sicht immer dort, wo Gegensätze aufeinandertreffen: antik und zeitgenössisch, Ideal und Gegenbild, monumental und klein. So wird etwa der klassische Kontrapost – von der griechischen Antike an über Jahrhunderte hinweg Motiv in der Bildhauerei – in Bruce Naumans Videoarbeit Walk with Contrapposto erneut aufgegriffen und aktualisiert.

Welche Rolle spielt Alfred Lichtwark für Skulptural?
Hubrich: Lichtwark hat die Geschichte der Kunsthalle maßgeblich geprägt und sich auch besonders für den Aufbau einer Skulpturenabteilung eingesetzt. Es geht jedoch nicht darum, Lichtwark – ebenso wenig wie die folgenden Direktoren – »auf einen Sockel zu heben«, sondern die unterschiedlichen prägenden Rollen in der Sammlungsgeschichte der Skulptur zu verstehen und ihre Ansätze, etwa die Verbindung von Kunst und Leben, für das heutige Museumsverständnis und -erlebnis fruchtbar zu machen.

Die Medaillen- und Plakettensammlung der Hamburger Kunsthalle steht auch in enger Beziehung zur französischen Medaillenkunst des späten 19. Jahrhunderts. Welche Rolle spielte hier die Zusammenarbeit mit dem Musée d’Orsay?
Görgen-Lammers: Grundlage für uns war die Tatsache, dass Alfred Lichtwark in engem Austausch mit französischen Bildhauern und Medailleuren seiner Zeit stand, ebenso wie mit dem damaligen Direktor des Musée du Luxembourg, Léonce Bénédite. Lichtwark bewirkte ein deutsch-französisches Netzwerk, das gerade vor dem Hintergrund der damaligen politischen Situation besondere Bedeutung für den Kulturtransfer hatte. Beide Direktoren bauten ihre entsprechenden Bestände (der des Musée du Luxembourg ging später ins Musée d’Orsay über) parallel auf. Diese Verbindung sichtbar zu machen, veranlasste mich dazu, früh und auf Grundlage meiner vorherigen Projekte das Musée d’Orsay als Partner und Leihgeber ins Boot zu holen. So werden Leerstellen unseres Bestands angereichert und zugleich Verbindungen der beiden Sammlungen sichtbar. 

Wie lässt sich der internationale Anspruch der Medaillensammlung heute vermitteln?
Hubrich: Indem wir Medaillen als Medium der Erinnerung, der Repräsentation, aber auch der Verbundenheit zeigen. Lichtwark kaufte direkt aus den Ateliers – zeitgenössisch und intuitiv. Diese Haltung machen wir erfahrbar.

Sie betonen die Intimität und Zugänglichkeit des kleinen Formats. Welche Rolle spielt die körperliche Nähe der Betrachtenden für das Verständnis von Münzen und Medaillen?
Hubrich: Kunst hat immer auch einen Bezug zum menschlichen Körper: Ich selbst muss mich zu ihr verhalten. Sie regt an, Perspektiven zu wechseln – das macht sie so wichtig für die Gesellschaft, gerade heute. Das Kleinstformat fordert uns auf, ganz genau hinzusehen und im wahrsten Sinne des Wortes auch die andere Seite der Medaille in den Blick zu nehmen. Das Medium verlangt nach Handlung, nach einem aktiven Umgang. Aus konservatorischen Gründen ist dies am kostbaren Museumsbestand leider nicht real möglich, doch haben wir im Ausstellungsdesign Wege entwickelt, diese Erfahrung dennoch an ausgewählten Exponaten begreiflich zu machen.

Können Sie uns etwas mehr über die Ausstellungsarchitektur erzählen?
Görgen-Lammers: Bei einem Aspekt der Ausstellungsarchitektur, den Vitrinen, haben wir uns an einer aus meiner Sicht wegweisenden Idee von Lichtwark orientiert, und zwar die Kleinstobjekte im Sitzen zu betrachten. Dies ist eine Herangehensweise an Skulptur, die ich schon bei meiner Ausstellung zu Giacomettis Spielfeldern mit dem Architekturbüro Kühn Malvezzi erproben konnte und für besucherfreundlich halte: Sich hinzusetzen, Ruhe zu finden und sich aktiv auf die Objekte einzulassen, ist hier das Ziel. Zudem soll im Doppelnutzungsbereich ein gemeinsames Gespräch beim Kaffee ermöglicht werden, um über die Objekte in einen Austausch mit anderen zu kommen. 

Sie präsentieren die kleinen Werke also in sehr besonderen Vitrinen. Wie haben Sie das umgesetzt? 
Görgen-Lammers:
Diese an Lichtwarks Überlegungen angelehnten Vitrinen, welche heutzutage zudem natürlich viele weitere integrierende und sicherheitsrelevante Ansprüche erfüllen müssen, haben wir in einem gründlichen Prozess mit der Architektin Marlene Wetzel von ECE und Gruppe Praxis erarbeitet. Wir denken, dass wir damit ein Alleinstellungsmerkmal für die Kunsthalle entwickeln konnten, und hoffen, dass die Besuchenden es gerne nutzen werden.

Neu ist nicht nur der inhaltliche Ansatz der Sammlungspräsentation – neu sind auch die Orte. Was hat sich für die Ausstellung in der Kunsthalle verändert?
Hubrich:
Wir erschließen im Rahmen der Ausstellung neue Räume beziehungsweise überführen bekannte Räume in neue Funktionen, die teils die historische Nutzung aktualisieren. Beispielsweise wird der zentrale Säulensaal teils wieder als Ausstellungsraum genutzt – und dies sogar im Zusammenspiel mit dem Cafébetrieb. Entsprechend doppelt genutzt wird auch der angrenzende Raum, der damit seit Jahren endlich wieder der Öffentlichkeit zugänglich wird. Diese neuen Galerieräume mit dem – dank der Förderung durch die Stiftung – neuen Terrazzoboden, zeitgemäßer Beleuchtung, Klimatisierung und vielem mehr lassen die präsentierten Skulpturen wirklich strahlen.
Görgen-Lammers: Im Zuge der Neugestaltung des Erdgeschosses des Gründungsbaus konnten wir zudem einen 1998 künstlerisch gestalteten Übergang ins Erste Obergeschoss wieder öffnen. Skulptural führt nun darüber in einen Raum, der ebenfalls wieder seine ursprüngliche, lichtvolle Wirkung erhalten hat. Er liegt zwischen den Gemäldegalerien des 19. Jahrhunderts und der Moderne und bietet für den von Lichtwark angelegten Bestand impressionistischer Medaillen sowie entsprechender Skulpturen, teils einzigartige Leihgaben aus dem Musée d’Orsay, einen besonderen atmosphärischen Ort. So verankern wir diesen Sammlungsbereich bewusst auch im Herzen des chronologischen Rundgangs im Obergeschoss.

Wie haben Sie die Inszenierung eines so heterogenen Bestands in den verfügbaren Räumen umgesetzt?
Görgen-Lammers: Auf über 1.500 Quadratmetern entfaltet sich der Parcours im gesamten Erdgeschoss des Gründungsbaus und des ersten, noch von Lichtwark initiierten Erweiterungsbaus. Ausgehend vom prunkvollen klassizistischen Säulensaal, der seit Gründung des Museums mit dem Abguss des Parthenonfrieses der Stadtgöttin Athens gewidmet war, wird u. a. das Thema der Antike und ihrer Rezeption erzählt, von mythischen Figuren über Porträtreihen römischer Kaiser bis hin zu Flussgottheiten. Es entfaltet sich ein Parcours, der die Geschichte des Hauses, der Sammlung, der Skulptur und ihrer Kontexte anhand prägnanter Objekte, Neuentdeckungen wie Meisterwerken, sinnlich erfahrbar macht. 

Die Neupräsentation ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit vieler Bereiche des Hauses – von Restaurierung und Provenienzforschung über Sammlungsleitungen bis hin zu Ausstellungsgestaltung und Vermittlung. Welche Bedeutung hatte diese interdisziplinäre Zusammenarbeit für das Projekt?
Görgen-Lammers: Für alle war der Skulpturenbestand, besonders der neu zu bearbeitenden 6.000 Kleinstobjekte, in den Arbeitsabläufen bisher nicht vorgesehen. Viele notwendige Schritte konnten dank der Dorit & Alexander Otto Stiftung und unserer Recherche und Organisation durch externe Anbieter aufgefangen werden, aber natürlich sind immer auch alle Hausabteilungen zentral: Ein solches Unterfangen ist nur unter Beteiligung aller Kolleg*innen möglich, und wir möchten an dieser Stelle ganz explizit allen danken, die das Projekt von Beginn an mit Tatkraft in ihren jeweiligen Bereichen unterstützt haben! So haben beispielsweise die Sammlungsverwalter die systematische Lagerung der 6.000 Objekte einen Sommer lang begleitet. Die Provenienzforschung unter Ute Haug hat für den Bestand grundlegende Arbeit geleistet, dank einer durch die Stiftung ermöglichten Stelle, die Marlene Knut innehatte. Katharina Gietkowski und Jenny Beringmeier vom historischen Archiv hatten immer ein offenes Ohr für unsere Forschungen, und die anderen Sammlungsleiter*innen haben mit Werken aus ihren Abteilungen unser Aufzeigen bestimmter Kontexte in Skulptural mit ermöglicht. 

Die Präsentation basiert auf neu erschlossenen Dokumenten und erstmals erforschten Kontexten. Welche Erkenntnisse haben Sie im Zuge der Recherche besonders überrascht?
Görgen-Lammers: Auf Grundlage der Idee, frühere Kunsthallen-Visionen zur Skulptur auf ihre heutige Relevanz zu befragen, haben wir einen großartigen Fund gemacht und daraus einen Höhepunkt des Ausstellungsparcours in der Rotunde entwickelt: Bislang unbeachtet war die Tatsache, dass für das architektonische Zentrum des ersten Neubaus von 1919 ursprünglich ein von einem zeitgenössischen Künstler entworfener Brunnen vorgesehen war. Ein geheimer Wunsch von mir war daher schon seit meiner Studienzeit, an diesem Ort eine zeitgenössische Brunnenarbeit zu realisieren. Wir konnten die international renommierte französische Künstlerin Laure Prouvost, bekannt für ihre präzisen und zugleich spielerisch-ironischen Ensembles aus Skulptur und Wasser, für dieses Projekt gewinnen und mit ihr, in Abstimmung mit meiner Kollegin Brigitte Kölle, zuständig für die Kunst der Gegenwart, eine neue ortsbezogene Arbeit umsetzen. 
Hubrich: Die von der Dr. Heinz H. O. Schröder Stiftung angekaufte ortsspezifische Brunnenarbeit von Prouvost bildet ein zentrales Scharnier für den neu kontextualisierten Münz- und Medaillenbestand. Die Künstlerin hat mit uns gemeinsam einen modernen Wunschbrunnen erdacht, der auf den besonderen Ort, die  Geschichte der Sammlung und unsere Münzentdeckungen reagiert. Die Idee des »Wunschbrunnens« verbindet Skulptur, Münze sowie zeitgenössische skulpturale und performative Praktiken. 

Abschließend gefragt: Was wünschen Sie sich, dass Besucherinnen und Besucher nach dem Rundgang durch Skulptural über die Skulpturensammlung der Hamburger Kunsthalle neu erfahren haben?
Hubrich:
Wir wollen ein anregendes Kunst-, Raum- und Körpererlebnis ermöglichen und zugleich den Blick für die kleinformatigen Medien öffnen. Es gilt, nahe heranzutreten, zu verweilen und aufmerksam zu werden für einen Bestand, der ebenso faszinierend, informativ wie spielerisch ist und als »Bilderfahrzeug« – ein Begriff des Hamburger Kunsthistorikers und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg – Zeiten und Orte verbindet und diese bis in die Kunsthalle trägt. 
Görgen-Lammers: Es lohnt sich, die Perspektive zu wechseln, etwa antike mit zeitgenössischer, groß- mit kleinformatiger Kunst zusammenzusehen, um Verbindungen, Entwicklungen und mediale Übergänge zu entdecken, sich den Werken körperlich wie geistig zu nähern. In thematischen Räumen begegnen sich z. B. Blicke und Porträts aus 2.500 Jahren Bildgeschichte: Auf kleiner wie großer Skala verhandeln sie Fragen von Nähe und Distanz, Macht und Ohnmacht, Liebe und Begegnung und machen die vielfältigen Orte des Skulpturalen als sinnlich erfahrbares Spielfeld erlebbar.


ANNABELLE GÖRGEN-LAMMERS ist Ausstellungs-kuratorin an der Hamburger Kunsthalle und leitet zudem die Sammlung Skulptur & Plastik (bis 1960) sowie das Forschungsprojekt Von der zweiten zur dritten Dimension.
ANN-KATHRIN HUBRICH ist Assistenzkuratorin für Skulptural. Die neuen Galerien und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt.
INA HILDBURG-SCHNEIDER ist Kunsthistorikerin und Redakteurin bei den Freunden der Kunsthalle.

Weitere Projektbeteiligte:
PETRA BASSEN koordiniert seit Mai 2024 als Produktionsmanagerin die umfangreichen Raumertüchtigungsmaßnahmen, die der Ausstellung vorausgingen. Als Assistentin unterstützt sie zudem organisatorisch sowie beim Lektorat von Online- und Printtexten. 
PATRIK POHL ist seit Oktober 2024 wissenschaftlicher Mitarbeiter; als Numismatiker ist er für die weitere Aufarbeitung der Münz- und Medaillenbestände innerhalb der Skulpturenabteilung mit dem Ziel ihrer digitalen Publikation über die internationale Datenbank ikmk zuständig.
Vorarbeiten wurden von DR. SYLVIA KARGES (2022–2023) und DR. MARTIN ZIEGERT (bis 2024) geleistet.
Als studentische Hilfskraft wirkt TESSA SCHEUNERT seit Februar 2024 an der Digitalisierung und Präsentation des Münz- und Medaillenbestandes mit. 
Auch DANA ZACHARIAS war von Mai 2023 bis Oktober 2025 studentische Hilfskraft im Forschungsprojekt Von der zweiten zur dritten Dimension; seit 2025 ist sie ebendort Teilzeit-Mitarbeiterin.