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Max Beckmann: Blickwechsel – Wortwechsel, Teil 2

Um der Verbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken, bleibt die Hamburger Kunsthalle vom 2. November bis 30. November 2020 geschlossen. In der Veranstaltungsreihe „Blickwechsel“ hätten Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen ihren Arbeitsplatz temporär in die Ausstellung „Max Beckmann. weiblich-männlich“ verlegen sollen. Aus diesem „Blickwechsel“ sind mit der Schließung der Hamburger Kunsthalle nun schriftlich geführte „Wortwechsel“ geworden. Im zweiten Teil korrespondiert Sabine Zorn, Restauratorin und Leiterin der Restaurierung Graphik & Fotografie an der Hamburger Kunsthalle, mit Sophia Colditz und Ann-Kathrin Hubrich (wissenschaftliche Mitarbeiterinnen) über Beckmanns großformatige Tuschzeichnung „Selbstbildnis mit Fisch“ aus dem Jahr 1949:

AKH: Liebe Sabine, wir haben dich gebeten, ein Werk aus der Ausstellung „Max Beckmann. weiblich-männlich“ auszuwählen, und du hast dich für „Selbstbildnis mit Fisch“ entschieden.Was macht die Tuschzeichnung für dich so interessant?

SZ: Das schwarz-weiße Selbstbildnis entstand nur wenige Jahre vor Beckmanns Tod in den USA und ist eines der letzten Selbstbildnisse des Künstlers. Beckmann hat sich selbst im Kurzarmhemd gezeichnet, das über die Schulter gewandte Gesicht teils von einem Hut verschattet, rauchend, einen Fisch in der Faust haltend. Diese kraftvolle, fast schon fotografische Momentaufnahme des Künstlers an einem sonnigen Tag in der Natur inszeniert ihn – sucht man dazu in den digitalen Medien – in einer bis heute geläufigen, klassischen Darstellungsweise von Männlichkeit. Auch viele weitere der im Laufe seines Lebens entstandenen Selbstbildnisse weisen dieses Merkmal auf. Beckmanns Verständnis von männlicher Identität erscheint so in Anbetracht der gesellschaftlichen Umbrüche und normativen Veränderungen innerhalb seiner Selbstbildnisse zunächst seltsam unberührt. Betrachtet man jedoch Beckmanns Leben selbst oder liest seine Tagebücher, ergeben sich aufgrund von Ereignissen wie der Teilnahme am Ersten Weltkrieg, dem Verlust der Anstellung in Frankfurt und seiner künstlerischen Anerkennung, der mit finanziellen Unsicherheiten verbundenen Emigration nach Amsterdam oder dem Neubeginn in Amerika mit über 60 Jahren deutliche Brüche. Im Kontext der gesellschaftlichen Erwartungen dieser Zeit hat das sicherlich dazu geführt, dass Beckmann seine männliche Identität auch als etwas Zerbrechliches und Unbeständiges wahrnehmen musste.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund das Selbstbildnis erneut, ergibt sich auch hier eine Ambivalenz. So wird der Blick von der zwei Drittel des Bildhintergrunds einnehmenden Schwärze abgewendet und über die Schulter zurück gerichtet. Der Blick bezieht den Betrachter nicht ein, geht an ihm vorbei in die Ferne. Der Fisch (bei Beckmann auch Sinnbild für die seelische Verfassung) wird zwar entschlossen von der Hand umfasst, kann jedoch jeden Moment entgleiten.

Wendet man sich in diesem Zusammenhang der gegenwärtigen Entwicklung zu, in der Männlichkeit u. a. als toxisch oder fragil beschrieben wird, Formen der gewaltsamen Dominanz in den sozialen Medien zunehmen (siehe Tweets von Donald Trump) oder Männer, die aus der ihnen zugedachten Rolle fallen, als unmännlich diffamiert werden (Piers Morgan gegen Daniel Craig), hat die Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit (und Weiblichkeit) keinesfalls an Bedeutung verloren. Aktuelle Geschehnisse, wie das medial sehr aufmerksam begleitete Auftreten des Ehemanns (Douglas Emhoff) der designierten ersten US-Vizepräsidentin Kamala Harris, sind dabei genauso essenziell wie die Auseinandersetzung mit historischen Vorlagen.

SC: Welche Rolle spielt deiner Meinung nach die Materialität und Technik eines Werkes im Hinblick auf die Motivwahl?

SZ: Beckmann bedient sich für seine Selbstbildnisse einer breiten Palette von Techniken. Er malt sich gerne in weltmännischer Pose selbstbewusst großformatig in Öl, zeichnet sich aber auch in kleineren Formaten mal nachdenklich, mal entschlossen mit der Radiernadel. Auch Aquarell und Pastell kommen als Zeichenmittel zum Einsatz. Die Verwendung des schwarzen Tuschpinsels vermischt mit Kohle ist bei den Selbstbildnissen eher ungewöhnlich. Zwar verwendet Beckmann den Tuschpinsel regelmäßig für Umrisslinien, fügt den Arbeiten (ob in Öl oder Aquarell) dann aber üblicherweise noch Farbe hinzu. Im Falle von „Selbstbildnis mit Fisch“ erzielt Beckmann durch den monochromen Einsatz des schwarzen Pinsels eine expressive, in ihrer starken Hell-Dunkel Kontrastierung mit der Farbe des Blattes fast holzschnittartige Wirkung. Feinere Linien werden von breiteren Pinselstrichen überlagert, die im Bildhintergrund zur schwarzen Fläche verdichtet werden, von welcher sich Künstler und Fisch abheben. Die fließende Konturierung und die flüchtig skizzierten, sich netzartig überlagernden Linien verstärken die spannungsvolle Grundstimmung der Zeichnung. Die Spontaneität des Tuschpinsels verleiht dem Selbstbildnis den Eindruck der Fotografie-typischen Momentaufnahme. Es ist jedoch – wie häufig bei Beckmann – vermutlich erst im Nachgang an den Ausflug im Atelier entstanden.

AKH: Hat sich dein Blick auf Max Beckmann durch die Ausstellung verändert?

SZ: Die Stillleben von Max Beckmann waren eines der Vorbereitungsthemen meiner Abiturprüfung 1996 in Baden-Württemberg. Diese bildgewaltigen Werke haben den nachhaltigsten Eindruck bei mir hinterlassen. Den Künstler nun in seiner Auseinandersetzung mit einem ganz anderen, auch tagespolitisch aktuellen Thema wiederentdecken zu können, war daher eine besondere Erfahrung. Vom Künstler erneut überzeugt hat mich seine künstlerische Vielfalt und sein versierter Umgang mit den verschiedenen Techniken. Aus ihnen holt er für seine jeweiligen Themen und Ideen das Maximum heraus.

Sabine Zorn, geb. 1976, Studium der Konservierung und Restaurierung von Graphik, Schriftgut und Fotografie an der Hochschule der Künste Bern. Von 2004 bis 2010 Anstellungen am Aargauer Kunsthaus in Aarau, am Kunstmuseum Bern und an der Hochschule der Künste Bern. Seit 2011 Leiterin Konservierung / Restaurierung von Graphik und Fotografie an der Hamburger Kunsthalle. Publikationen u. a. zu den Zeichenmaterialien und -techniken Anita Rées und den Zeichenmitteln von Stefano della Bella und Leonardo da Vinci.

Hier geht es zum ersten Teil der Reihe "Wortwechsel"

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